Samstag, 22. Oktober 2016

„Alpenfieber“ – Im Kurven- & Pässerausch VI

Juni 2016 – „Auf der 8-Pässe-Tour“  Reschenpass, Stilfserjoch, Foscagnopass, Passo d’Eira, Livignopass, Berninapass, Albulapass, Flüelapass

Abfahrt vom Stilfserjoch
Heute geht es auf die Königsetappe unserer Alpentour – die 8-Pässe-Tour. Sie bringt uns, nachdem wir nun schon recht gut trainiert sind, endlich über die Nord-Ost-Rampe zum Stilfserjoch.
Ein ganz besonderes Highlight ist auch der Albulapass, den wir von St. Moritz, der Stadt der Schönen und der Reichen aus angehen.
Ein kurzer Bummel durch Davos, die Stadt des gepflegten Schweizer Wintersports, dann sollten wir, nach gut 300 Kilometern, gegen 18 Uhr wieder in Nauders sein.
Die Wetteraussichten sind so lala – in der Nacht hat es auf den Bergen Neuschnee gegeben. Am Morgen ist es freundlich und zum Nachmittag soll es dann nicht ganz so schön werden.
Aber was hilft‘s – heute ist die letzte Möglichkeit für diese tolle Tour – und wir sind ja schon bei (fast) jedem Wetter gefahren ;-)





Helmut und ThomasK sind startbereit

Punkt 9 Uhr geht’s los. Ein wenig aufgeregt sind wir schon wegen der Haarnadelkurven, die uns am Stilfserjoch erwarten. Noch einmal machen wir uns klar, dass es mit 10 Bikes am Joch besonders darauf ankommt, einen genügend großen Abstand zum vorfahrenden Motorrad zu halten. Ein wenig heikel sind hier die Rechtskurven, die bei einem entgegenkommenden Fahrzeug recht eng sein sollen. Die einen sind gelassen wie immer – man sieht aber auch ein paar gerötete Wangen – aber alle wollen heute da hinauf :-)



Pass Nr. 1, der „Reschenpass“ – 1.519m, *** SG 1-2 Kaum wahrnehmbar, wir sind in Süd-Tirol in Italien.
Das Highlight des Passes ist zweifelsohne die tragische Geschichte um das kleine Bergdorf Graun, dessen Kirchturm der wohl der meist fotografierte der ganzen Welt ist. 1948 wurde der Reschensee aufgestaut, dabei versank der Ort Graun in den Fluten. Lediglich der Kirchturm des Ortes ragt bis heute trotzig aus den Fluten hervor.



Noch einmal geht es also am Reschensee vorbei und noch einmal liegt das weiße Kloster Marienberg hoch über uns am Berg.



In Glurns dann eine Vollsperrung der Ortsdurchfahrt. Während wir noch rangieren und überlegen, ob wir die Sperrung austricksen können, kommt ein netter Anwohner zu uns und rät, lieber die ausgeschilderte Umleitung über Spondinig zu nehmen. Gleich hinter der Sperre warten die Carabinieri und deren Protokolle seien ziemlich teuer. Ein gutes Argument, den empfohlenen Umweg zu wählen ;-)




Christine und die Vorfreude vor dem Aufstieg



In Prad sind wir dann wieder auf der geplanten Strecke und kurze Zeit später legen wir, kurz vor dem Aufstieg, eine kleine Erfrischungspause mit Blick auf den Gipfel ein.





Mit dem Bike zum Stilfserjoch - Diese Radfahrer sind immer schon da :-)


Pass Nr. 2 das „Stilfserjoch“ – 2.758m, **** SG 3  Der Höhepunkt einer jeden Alpentour!



Das „Stilfserjoch“ zählt mit seinen vielen Kehren zu den schwersten Passstraßen der Alpen.



Besonders auf der Nord-Ost-Rampe reiht sich eine Spitzkehre an die andere – gut, dass wir mittlerweile schon so viel Übung haben :-)



Der Aufstieg beginnt



Sage und schreibe 87 Kehren liegen nun vor uns, davon 48 für den Aufstieg



Auf 30km Länge schrauben wir uns 1570m in die Höhe. Dabei ist die Streckenführung der „Königin aller Passstraßen“ einzigartig. Wie in unendlichen Schleifen liegt eine Fahrspur über der anderen. 



Immer wieder schweift der Blick über das gewaltige Panorama das sich uns bietet – aber Vorsicht – höchste Konzentration ist gefragt.



Die Rechtskurven haben es in sich, sind Haarnadelkurven im engsten Sinne. Tempo verringern, in den 2ten Gang schalten, kurz schauen ob ein Fahrzeug von Oben kommt, in die Kurve legen und mit Gas hineinziehen. Kommt kein Gegenverkehr kann man erleichtert aufatmen, dann holt man halt etwas weiter aus und nutzt die gesamte Breite der Kurve. Die Linkskurven sind dagegen die reinste Erholung ;-)



Da wir in der Woche und noch früh am Morgen unterwegs sind hält sich der Gegenverkehr stark in Grenzen. Während der Hauptsaison und an Wochenenden braucht es dann aber schon einigen Mut mehr als heute - an der Nord-Ost-Rampe hat so mancher Biker seinen Aufstieg noch vor dem Gipfel  abgebrochen und ist umgekehrt ;-)



Wir sind nur noch einige Kehren vom Gipfel entfernt, da geht es nicht mehr weiter.



Vorsichtig halten wir in der Steigung an und warten, bis der Schneeräumer die Fahrbahn für uns freimacht.



Dann rollen wir vorsichtig wieder an und durch den glitschigen Schneematsch erreichen wir den Passo dello Stelvio.





Parkplätze gibt es heute nur längs



Hier oben ist touristisch schon einiges los. Restaurationen, Souvenirläden und „Bruno’s Wurst  mit Sauerkraut“ – wer‘s mag – für (fast) jeden ist was dabei.


Brunos Wurst mit Sauerkraut



Ute und der Erlkönig



Heike und der Nord-Ost-Wind



Eine halbe Stunde reicht, dann wird wieder aufgesessen.



War die Auffahrt dunkel und kalt, so ist die Abfahrt sonnig und warm – und auch erheblich leichter zu fahren.



Landschaftlich sehr eindrucksvoll – besonders schön der Wasserfall. Die Strecke kennen wir ja schon aus der entgegengesetzten Richtung, als wir vom Gaviapass kamen. Da war’s im leichten Regen und nach der langen Fahrt nicht ganz so angenehm wie heute.



Pass Nr. 3 der „Foscagnopass“ – 2.291m, *** SG 2-3



Zügige Fahrt mit gutem Grip



Birgit & Thomas - Schöne Aussichten auf fantastische Berglandschaften



Kurz vor dem Fascognopass gibt’s einen heftigen Schauer – aber als wir den Pass erreichen dampfen die Straßen und die Feuchtigkeit wird von der Sonne aufgezehrt.



Pass Nr. 4 der „Passo d‘Eira“ – 2.208m, *** SG 2-3



Tolle Aussichten aufs Bergmassiv im herrlich sonnigen Skigebiet Eira.



Pass Nr. 5 der „Livignopass“ – 2.315m, *** SG 2   



Das Schöne am Livignopass sind die tollen Berge rundum. Auf guter Piste geht es zügig die Passstraße entlang, immer die mächtigen Drei- und Viertausender im Blick. Die Strecke sind wir schon zum Gaviapass gefahren, aber jeder Kilometer ist diese zweite Begegnung wert.



Es ist wieder einmal Zeit für eine Pause – da kommt am Gipfel die „Foresteria 2315“ gerade recht. 



Latte Macchiato



Das alte Gebäude ist super stilistisch aufgemacht, man bekommt für 2€ einen tollen Latte Macchiato im Café und preiswerte, zollfreie Spirituosen im Laden. Unbedingt besuchen ;-)



Brigitte & SAM 2315m ü.NN



Pass Nr. 6 der „Berninapass“ – 2.330m, **** SG 2



Nachdem wir die Grenze passiert haben erklimmen wir den legendären „Berninapass“, der zu den berühmtesten Schweizer Pässen zählt. Nicht besonders schwierig aber fahrerisch abwechslungsreich mit schönen, gut ausgebauten Kurven, begeistert vor allem die grandiose Landschaft mit der gewaltigen 4.000er Berninagruppe.



Lange Zeit geht es an den Geleisen der Rhätischen Bahn entlang, aber dem Bernina-Express begegnen wir heute leider nicht.



HeliSwiss



Schon von weitem fällt unser Blick auf „Sankt Moritz“ – ein Postkartenmotiv am Sankt Moritzsee.



Im Winter der bekannteste Treff des internationalen Jetsets, hat Sankt Moritz, durch seine traumhafte Lage am Rande der Oberengadiner Seen, seinen ganz besonderen  Reiz.







Im Schritttempo  bummeln wir durch die historischen Gassen, in denen an über 300 Sonnentagen im Jahr „Champagner-Klima" herrscht :-)





Huch - vertan :-)



Pass Nr. 7 der „Albulapass“ – 2.312m, **** SG 2-3



Von Sankt Moritz aus geht es nach La Punt und von dort aus auf die „Albula-Passstraße“.



Die schmale, wenig befahrene Strecke geht so nach und nach in eine herrliche, hochalpine Lage über.



Auf der Passhöhe am Albulasee können wir uns gar nicht sattsehen an dem, was uns hier geboten wird.



Das schlichte Albula-Hospiz ist dann das iTüpfelchen in dieser großartigen Kulisse.



Christine & Günter



Als wir uns dem Parkplatz nähern startet dort gerade eine Gruppe von hochpreisigen Sportwagen – schade – die hätten wir gerne aus der Nähe betrachtet.





Heike hat ihre Cool Breaker dabei



Die Einkehr im Hospiz ist cool – vor der Haustüre liegt der Neuschnee, innen gibt’s stilechtes Schweizer Interieur,  und mit rund 6 € den teuerste Latte Macchiato den ich bisher getrunken habe ;-)





Schmeckt aber super hier Oben :-)





Blick vom Hospiz



SAM sagt Grüerzi



ThomasB entdeckt den HSV-Aufkleber :-)



Bei der Abfahrt vom Albula zeigt TomTom eine Bahnlinie neben mir an, die ich aber nirgendwo sehen kann. Wir überqueren sie – und auch das ist nicht zu sehen. Die Lösung zeigt sich dann in Preda. Dort verschwindet die Bahn im Berg. Große Erdbewegungen lassen ahnen, dass dort ein weiterer Tunnel durch den Berg gebohrt wird. Mit Förderbändern in durchsichtigen Röhren wird der Abraum der Tunnelbohrung zunächst auf eine große Halde befördert und dann abtransportiert – ein interessantes und großes Projekt.



Eines von vielen Viadukten



Als wir Bergün erreichen, ein Ort mit vielen schön bemalten Häusern, beginnt es leicht an zu regnen. Und das ändert sich auch leider nicht auf unserer Strecke nach Davos.



Schweizer Postbus im Einsatz - Schweizer Postbusfahrer blinken rechts und lassen Motobikes vorbei :-)



In „Davos“ haben wir noch einen Bummel über die Promenade geplant. Aber, da es sich so richtig eingeregnet hat, bleiben wir lieber auf der Talstraße und stellen uns bei der Migrol-Tankstelle unter. Auch so klappt es ganz gut mit einer kleinen Pause.



Pass Nr. 8 der „Flüelapass“ – 2.383m, *** SG 2



Es ist nass und kalt. Als es weitergeht meint Thomas, ob es oben auf dem „Pass“ wohl schneit :-(
Als uns kurze Zeit später LKWs mit dickem Schnee auf der Front entgegenkommen ahnen wir nichts Gutes.



Je höher wir kommen, umso mehr Schneeflocken mischen sich in den Regen. Die Temperatur sinkt auf den Gefrierpunkt und die Sicht verringert sich im Schneetreiben auf wenige Meter. Es schneit nun so heftig, dass ich mir den Schnee fast im Sekundentakt mit der ganzen Hand vom Visier wischen muss. Das Visier muss ich nach einiger Zeit leicht öffnen, sonst sehe ich durch den Beschlag überhaupt nichts mehr. Dafür schlagen mir jetzt die Eiskristalle recht heftig ins Gesicht. Trotz Handprotektoren und Heizgriffen wird meine rechte Hand eiskalt, da ich sie immer wieder vom Griff lösen muss um für bessere Sicht zu sorgen. Ein Reisebus kriecht vor uns den Berg hinauf. Kann ich den, bei dem Matsch auf der Straße, überhaupt überholen?



Gleich hinter einer Kurve wage ich es – und die Gefährten kommen hinterher. Jetzt habe ich aber kein Rücklicht mehr vor mir und Sicht ist quasi nicht mehr vorhanden. Weit kann es nicht mehr bis zur Passhöhe sein – da muss ich einfach durchhalten, danach kann es ja nur wieder besser werden.



Wir sind über den Berg, die Temperatur steigt und der Schnee wird zu Regen, der bald danach aufhört. Ein einzelner Biker kommt uns entgegen und grüßt euphorisch – wann begegnet man schon einmal einer schneeverkrusteten Bikertruppe – auf jeden Fall ahnt er jetzt schon mal, was ihn da Oben erwartet :-)

So langsam zieht die Wärme der Heizgriffe in meine Fingerspitzen. Hey wie toll ist es doch,  Handprotektoren und Heizgriffe an seinem Motorrad zu haben – und dass alles wieder einmal so gut gelaufen ist :-)


Gefahren: 320 km von 09:00 bis 18:00 Uhr
Maut: 0.00 €
Aussicht: **** ein Highlight
Fahrtrichtung der Tour: Eine Grandiose Tour in der für mich richtigen Fahrtrichtung - besonders für das Stilfserjoch und den Albulapass
Schwierigkeit: SG3 - sein Motorrad muss man schon sehr gut beherrschen

Glossar
Spaßfaktor nach „Alpenrouten“
*Naja  **Ganz nett  ***Hinfahren lohnt sich  ****Ein Highlight  *****Absolut grandios
Schwierigkeit nach „Denzel“
SG1 Strecke sehr leicht, SG2 Strecke ohne nennenswerte Anforderung SG3, Strecke erfordert Erfahrung im Gebirge
Online-Tourenplaner, wie z.B. Tyre, Google Mapps, MotoPlaner, in den Wintermonaten
Bei Verwendung von Online-Tourenplanern werden die Rundtouren bei gesperrten Pässen und Strecken, wie z.B. in den Wintermonaten, nicht wie geplant dargestellt. Navis im Offline-Modus stellen die geplante Route dagegen richtig dar.


Die TourDatei gibt’s "HIER"



Viel Spaß & tolle Touren wünscht HerBert ;-)


Kommentare:

  1. Hach, da werden Erinnerungen wach, HerBert. Wieder eine spektakuläre Tour und tolle Bilder. Ich find auch, dass das Stilfser Joch mit zu den anspruchsvolleren Passstraßen gehört (besonders, wenn man auf Harley unterwegs ist).

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  2. Puh, da kommt meine Höhenangst ja schon beim Lesen hochgekrochen! Meine Güte! Das ist ja recht anständig.

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